Feminismus ist hart
[Edit: Sorry, Inhaltswarnung vergessen: Beschreibung von Victim blaming bei Verfolgung von Sexualstraftaten]
Saaaagt mal. Was war denn das für ne Veranstaltung, wenn solche Artikel bei rauskommen? Sprache und Feminismus: Angst vor dem Einfachen Da hat ja jemand gar nix kapiert.
Der Grund warum der Feminismus so schrecklich akademisch daherkommt:
Wenn Feminist_innen Lohngleichheit fordern, weil die Gender Pay Gap immer noch bei über 20% liegt, wird nie eine Diskussion draus, wie das wohl angeglichen werden könnte. Es wird immer eine Diskussion draus, wie dieser Prozentsatz errechnet wurde. Welche Variablen da genau drin sind, welche Einflüsse schon rausgerechnet wurden, etc. pp. Please, enlighten us, wie eine_r das unakademisch erklären soll! Eine fucking Statistik, die Ergebnis akademischer Rechnungen ist. Und deswegen existiert, weil die Auswirkungen verschiedener Diskriminierungen in einen leicht reproduzierbaren Index gebracht werden sollten. Aber mit dieser einen Zahl wird halt keine Frauen*bewegung befeuert oder ordentliche Forderungen gestellt. Ne, jedes Mal muss bewiesen werden, wer in Statistik und Empirische Sozialforschung I besser aufgepasst hat. Statt, ganz gewagter Vorschlag, dass wir den Antis auf die Mütze geben, die jedes Mal diese Diskussion derailen! Aber nein, Jusos_innen… Meine Güte.
Wenn Feminist_innen kritisieren, dass ein Vergewaltiger mit der Begründung freigelassen wird, sein 15-jähriges Opfer habe sich nicht genug gewehrt, dreht sich die Diskussion nicht darum, was in Gesellschaft und Strafverfolgung geändert gehört, um solche Urteile in Zukunft nicht mehr ertragen zu müssen. Nein, die Debatte läuft darauf hinaus, dass Feminist_innen offensichtlich keine Ahnung von Jura haben, wenn sie dieses Urteil für ungerecht halten. Feminist_innen müssten sich zunächst in dieser Fachdisziplin und der jeweiligen Sprache auskennen, um irgendwas in diesem Fall oder in Zukunft ausrichten zu können! Guess what, Jusos? Die feministische Forderung in diesem ganzen Feld ist ein 3-Wort-Satz: “Yes” means “yes”. Oder wahlweise noch simpler: “No” means “no”. Das ist eine ausreichend komplexe Grundlage für Politik in diesem Bereich. Ich halte es auch nicht für nötig, das irgendwie akademisch anzureichern. ABER die derailenden Privilegienheinis, mit denen ihr unbedingt in Alltagssprache kommunizieren wollt, kacken Euch mit Studien zu, die “beweisen”, dass alles gar nicht so schlimm ist und erklären Euch schön an Gesetzestexten, wieso es leider unvermeidlich ist, dass Vergewaltiger freigelassen werden, auch wenn keine_r bestreitet, dass sie es waren. Und sie schicken Euch bedauernd fort, bis ihr gelernt habt, in angemessen akademischer Sprache die komplexe juristische Sachlage zu debattieren.
Es ist nicht DER Feminismus der heutzutage alles akademisch macht. Es ist eine Abwehrstrategie der Privilegienheinis, jede - wissenschaftlich - gesicherte Erkenntnis anzuzweifeln und so in den pseudoakademischen Diskurs zu zerren. Das Problem sind die Alles-ganz-easy-Feminist_innen, die diesen Schritt mitgehen und denken, man kommt gegen einen privilegiengestützten Pseudowissenschaftsdiskurs mit Alles-ganz-easy-zu-erklären-Argumenten an. Nope. Wir können Pseudowissenschaft mit wirklicher Wissenschaft bekämpfen und andere von uns können Pseudowissenschaft ignorieren und in der Bubble tolle Dinge tun und darin Platz für mehr Leute schaffen. Was Bullshit ist, ist sich an einem Spiel zu beteiligen, das so hingebastelt ist, dass eine_r nicht gewinnen kann. Einerseits wird die Fundierung jeder noch so selbstverständlichen Forderung immer und immer wieder in Frage gestellt und neue wissenschaftliche Begründungen gefordert und andererseits ist angeblich das Hauptproblem des Feminismus, dass das ganze akademische Zeug niemand versteht und keine_r es in 5 Minuten erklären kann (oder jeden Tag 5 Stunden Zeit hat, es der nächsten derailten Person zu erklären). Do you see what they did there?!? Den ersten Schritt zu verdrängen, weil es so stressig ist und so traurig, einsehen zu müssen, dass Privilegierte ihre Privilegien schützen und dabei auf Diskursmacht zurückgreifen und aber den zweiten Schritt brav nickend als eigene Position zu übernehmen, ist unklug. Hilft niemandem.
Ich wünsche ganz viel Glück mit diesem halbgaren Und-alle-so-yeah-Feminismus. Wenn da tatsächlich wirksame Forderungen mit krasser Frauen*bewegung rauskommen, bin ich die erste Person, die applaudiert. Bis dahin verbring ich meine Zeit mit den Bubbleheads.